Meistertipp 2 · Reha

Reha-Motivation nach KreuzbandrissDein Erfolgsjournal

Woche zwölf der Reha. Dieselben Übungen, winzige Fortschritte, und am Wochenende spielen die anderen. Genau hier kippt bei vielen die Motivation. Das Erfolgsjournal macht sichtbar, was Du sonst übersiehst: Du kommst jeden Tag ein Stück weiter.

Von 7 Min Lesezeit

Junger Fußballer sitzt abends im Bett und schreibt in sein Notizbuch

Das Wichtigste in Kürze

  • Jeden Abend drei kurze Einträge: Dankbarkeit, Fortschritt des Tages und Frage des Tages. Das dauert etwa drei Minuten.
  • Nach einer Woche hast Du sieben Fortschritte schwarz auf weiß. Das trägt Dich durch die zähen Wochen.
  • Die Frage des Tages beginnt immer mit „Was kann ich tun, um …?“ und hält Deinen Kopf auf Lösungen ausgerichtet.
  • Alle sechs Wochen wertest Du aus und berechnest Deine Entwicklungsgeschwindigkeit.

Das Motivationsloch in der Reha

Die ersten Wochen nach der Kreuzband-OP sind hart, aber klar: Jeder Tag bringt etwas Neues. Das Bein lässt sich wieder beugen, die Krücken kommen weg. Dann wird es zäh. Monatelang dieselben Übungen, Fortschritte im Millimeterbereich, und auf Instagram siehst Du, wie Dein Team ohne Dich spielt.

In dieser Phase kippt bei vielen die Motivation. Nicht, weil sie faul sind, sondern weil sie ihren Fortschritt nicht mehr sehen. Der Kopf merkt sich vor allem, was noch fehlt.

Das Erfolgsjournal dreht das um. Es dauert etwa drei Minuten am Abend und macht sichtbar, dass Du jeden Tag ein Stück vorankommst. Ich nutze es mit Sportlern aus ganz unterschiedlichen Sportarten, und es ist eines meiner einfachsten und wirksamsten Werkzeuge.

So funktioniert das Erfolgsjournal: drei Einträge am Abend

Nimm Dir ein Notizbuch, das nur für Dein Comeback da ist. Schreib jeden Abend Datum, Woche und Tag oben drauf. Dann drei Einträge:

1. Dafür bin ich heute dankbar

Ein Satz reicht. Das kann groß sein („Mein Physio hat sich extra Zeit genommen“) oder klein („Die Sonne hat geschienen, als ich zur Reha gefahren bin“). In einer bekannten Studie führten Teilnehmer wöchentlich eine Liste mit Dingen, für die sie dankbar waren. Sie berichteten danach mehr Wohlbefinden und bessere Stimmung als Vergleichsgruppen.

2. Fortschritt des Tages

Was hast Du heute geschafft, gelernt oder verstanden? Schreib es konkret auf. Ein guter Einstieg ist der Satz: „Heute ist mir klar geworden, dass …“

  • „Heute ist mir klar geworden, dass ich 5 Grad mehr Beugung habe als letzte Woche.“
  • „Heute ist mir klar geworden, dass ich bei der einbeinigen Kniebeuge ruhiger stehe, wenn ich ausatme.“
  • „Heute ist mir klar geworden, dass mir die Gespräche mit meinem Physio Mut machen.“

Nach einer Woche hast Du sieben Fortschritte schwarz auf weiß. Nach sechs Wochen 42. Blätter an einem schlechten Tag zurück, und Du siehst, wie weit Du schon gekommen bist.

3. Frage des Tages

Jetzt stellst Du Dir eine offene Frage, die sich nicht von selbst beantwortet. Sie beginnt immer gleich: „Was kann ich tun, um …?“

  • „Was kann ich tun, um morgen bei der Übung an der Beinpresse lockerer zu bleiben?“
  • „Was kann ich tun, um auch an Spieltagen dranzubleiben, an denen ich nur zuschaue?“
  • „Was kann ich tun, um besser zu schlafen?“

Die Frage richtet Deinen Kopf auf Lösungen statt auf Probleme. Psychologen kennen das: Offene Aufgaben bleiben im Kopf präsent und beschäftigen uns weiter. Oft fällt Dir die Antwort am nächsten Tag ganz nebenbei ein, beim Training, unter der Dusche oder auf dem Weg zur Reha.

Warum das in der Reha so gut funktioniert

Das Erfolgsjournal verbindet zwei Dinge, die in der Reha nachweislich helfen können: klare Ziele und sichtbaren Fortschritt. In einer randomisierten Studie mit verletzten Sportlern bekam eine Gruppe fünf Wochen lang eine Begleitung zur Zielsetzung. Diese Gruppe hielt sich laut eigenen Angaben deutlich besser an ihr Reha-Programm und zeigte die höchste Selbstwirksamkeit, also das Vertrauen, es selbst zu schaffen.

Das ist wichtig, denn nach einer Kreuzband-OP schafft es laut einer Auswertung von 69 Studien nur etwa jeder Zweite zurück in den Wettkampfsport. Wer die zähen Wochen der Reha durchhält und dabei Selbstvertrauen aufbaut, verschafft sich einen echten Vorsprung.

Alle sechs Wochen: Deine Entwicklungsgeschwindigkeit

Setz Dir einen festen Termin für die Auswertung, etwa alle sechs Wochen. Geh dann jede Frage des Tages durch und gib Punkte:

PunkteBedeutung
0Frage ist noch offen
1Frage ist teilweise beantwortet
2Frage ist beantwortet

In sechs Wochen sind das 42 Fragen, also höchstens 84 Punkte. Teil Deine Punktzahl durch 0,84 und Du bekommst Deine Entwicklungsgeschwindigkeit in Prozent.

Drei Stolperfallen und wie Du sie vermeidest

  • Grübeln statt Schlafen. Wenn Dich die Frage des Tages abends wach hält, schreib Dein Journal früher, etwa am späten Nachmittag.
  • Schnellschüsse. Manchmal tauchen große Ideen auf: Verein wechseln, Position wechseln, alles neu. Triff solche Entscheidungen nie aus einer Laune heraus. Besprich sie erst mit Menschen, denen Du vertraust.
  • Abheben. Gute Wochen fühlen sich großartig an. Bleib trotzdem bei Deinem Plan und halte Dich an die Vorgaben Deines Arztes und Physios. Zu viel zu früh ist ein häufiger Rückschlag.

Häufige Fragen

Reicht auch eine App statt eines Notizbuchs?

Ja, wichtig ist, dass Du es jeden Abend machst. Meine Erfahrung: Mit Papier bleibst Du eher dran, weil das Handy sofort ablenkt. Und ein volles Notizbuch in der Hand ist ein starkes Gefühl.

Was, wenn mir an einem Tag kein Fortschritt einfällt?

Dann such kleiner. Auch „Ich bin trotz schlechter Laune zur Reha gegangen“ ist ein Fortschritt. Gerade an solchen Tagen trainierst Du Deinen Blick am stärksten.

Wie lange sollte ich das Journal führen?

Mindestens sechs Wochen bis zur ersten Auswertung. Mein Rat: Führ es weiter bis zu Deinem ersten Spiel. Gerade in den Wochen der Rückkehr hilft Dir der Blick auf alles, was Du schon geschafft hast.

Quellen

  1. Evans, L. & Hardy, L. (2002). Injury rehabilitation: a goal-setting intervention study. Research Quarterly for Exercise and Sport, 73(3), 310–319.
  2. Emmons, R. A. & McCullough, M. E. (2003). Counting blessings versus burdens. Journal of Personality and Social Psychology, 84(2), 377–389.
  3. Ardern, C. L. et al. (2014). Fifty-five per cent return to competitive sport following anterior cruciate ligament reconstruction surgery. British Journal of Sports Medicine.
Michael Draksal, Mentaltrainer

Geschrieben von

Michael Draksal, M.A.

Sportwissenschaftler und Mentaltrainer mit mehr als 30 Jahren Erfahrung im Leistungssport, Fachbuchautor u. a. „Mentaler Aufbau bei Sportverletzungen“. Mein Spezialgebiet: der mentale Aufbau nach Verletzungen.

Mehr über mich

Hinweis: Dieser Artikel ist mentales Training und ersetzt keine ärztliche, physiotherapeutische oder psychotherapeutische Behandlung. Bei starken Schmerzen, Schwellung, Fieber oder anhaltender seelischer Belastung wende Dich bitte an Deinen Arzt.

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